Im Schweizer Gesundheitswesen treffen derzeit akuter Handlungsdruck, historische Systemreformen und eine spürbare Unzufriedenheit über administrative Hürden aufeinander.
Die wichtigsten Entwicklungen gliedern sich in drei Hauptthemen:
1. Bürokratie & Administration: Der „Papiertiger“ schlägt zurück
- 7 Stunden Administration pro Woche: Eine Studie beziffert den administrativen Aufwand von Freiberuflern im Gesundheitswesen auf fast einen ganzen Arbeitstag pro Woche (rund 7 Stunden). Zeit, die bei der direkten Patientenversorgung fehlt.
- Aktion „Papiertiger“: Die Schweizerische Gesellschaft für Innere Medizin (SGAIM) und der Berufsverband der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH) haben gemeinsam mit Versicherern eine symbolische Kampagne gestartet. Sinnlose Formulare – wie etwa wiederkehrende Rechtfertigungen für Hilfsmittel bei chronisch Kranken oder Dauerpatienten – werden in Praxen und Spitälern direkt mit einem „Papiertiger“-Aufkleber markiert, um den Druck auf Politik und Ämter zu erhöhen.
- Rückstau bei Diplomanerkennungen: Da in der Schweiz über 40 % der Ärztinnen und Ärzte ihr Diplom im Ausland erworben haben, führt die schleppende Bearbeitung von Anerkennungsgesuchen beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) und beim SIWF zu monatelangen Wartezeiten und verschärft den Fachkräftemangel in Spitälern und Praxen.
2. Medizin & Versorgung: Neue Tarife und Zugangshürden
- Umstellung auf TARDOC & Pauschalen: Das jahrzehntealte TARMED-System für den ambulanten Bereich wurde durch das neue Tarifsystem abgelöst, das aus dem Einzelleistungstarif TARDOC und ergänzenden ambulanten Pauschalen besteht.
- Langsame Medikamentenvergütung: Die Schweiz verliert beim Zugang zu innovativen Medikamenten an Boden. Es dauert im Schnitt rund 300 Tage, bis neu zugelassene Arzneimittel auf der Spezialitätenliste landen und regulär von den Krankenkassen vergütet werden. Ärztinnen und Ärzte müssen vermehrt auf mühsame Einzelfallgesuche ausweichen.
- Gesundheitsabkommen Schweiz–EU: Durch das bilaterale Gesundheitsabkommen soll der Wissensaustausch verbessert und die Reaktionsfähigkeit bei grenzüberschreitenden Gesundheitsbedrohungen gestärkt werden, während die nationale Eigenständigkeit gewahrt bleibt.
3. System & Politik: Kosten und Reformdruck
Thema | Aktueller Stand |
Nicht-übertragbare Krankheiten | Eine Kostenstudie zeigt, dass rund 72 % der gesamten Gesundheitskosten (über 65 Milliarden Franken) auf chronische bzw. nicht-übertragbare Krankheiten entfallen. |
Arbeitszeiten im Spital | Assistenz- und Oberärztinnen (-ärzte) fordern vehement die Durchsetzung einer flächendeckenden 42+4-Stunden-Woche, um Überlastung und Burnout abzufedern. |
Digitalisierung | Krankenkassen und Versorger bemängeln fehlende, einheitliche Schnittstellen. Vielerorts wird ein papierloses Qualitätsdaten-Management und die Automatisierung von Kostengutsprachen gefordert. |
Kernproblem: Die Tendenz zu mehr Regulierung, doppelten Belegen und ständigen Nachfragen der Versicherer kollidiert massiv mit dem immer spürbareren Fachkräftemangel.

