NCCR «Children & Cancer»

Das Nationale Forschungsschwerpunkt (NFS / NCCR) «Children & Cancer» ist ein wegweisendes Großforschungsprojekt in der Schweiz, das darauf abzielt, die Behandlung von Krebserkrankungen im Kindesalter durch Präzisionsmedizin grundlegend zu verbessern.

Was ist der NCCR «Children & Cancer»?

Krebs bei Kindern unterscheidet sich biologisch stark von Krebs bei Erwachsenen. Während bei Erwachsenen oft lebensstilbedingte Mutationen über Jahrzehnte akkumulieren, sind kindliche Tumore oft das Resultat von Fehlern in der frühen Zellentwicklung. Der NCCR bündelt die nationale Expertise, um diese spezifischen Mechanismen zu verstehen.

  • Heiminstitution: Universität Zürich (UZH)

  • Leitung: Prof. Dr. med. Jean-Pierre Bourquin (Kinderspital Zürich)

  • Partner: ETH Zürich, Universität Basel, EPFL, sowie verschiedene Schweizer Kliniken.

  • Start: Das Programm gehört zur 6. Serie der NCCRs, die vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) Ende 2024 bewilligt wurde und 2025/2026 voll anläuft.


Die Kernziele des Programms

Das Projekt verfolgt einen „Bench-to-Bedside“-Ansatz – also die direkte Übertragung von Laborerkenntnissen in die klinische Praxis.

  1. Personalisierte Diagnostik: Entwicklung von Methoden, um den genetischen Fingerabdruck jedes Tumors in Echtzeit zu bestimmen.

  2. Gezielte Therapien: Weg von der „Giesskannen-Chemotherapie“ hin zu Wirkstoffen, die nur die Krebszellen angreifen und gesundes, wachsendes Gewebe schonen.

  3. Reduktion von Spätfolgen: Da junge Patienten noch Jahrzehnte vor sich haben, ist es ein Hauptziel, Langzeitschäden (wie Herzprobleme oder Zweittumore), die durch heutige aggressive Behandlungen entstehen, zu minimieren.

  4. Digitale Vernetzung: Aufbau einer nationalen Datenplattform, um klinische Daten und Forschungsergebnisse sicher zu teilen.


Warum ist dieser NCCR so bedeutend?

Obwohl die Heilungschancen bei Kinderkrebs heute bei etwa 80-85 % liegen, bleibt Krebs die häufigste krankheitsbedingte Todesursache bei Kindern in der Schweiz.

Herausforderung Lösungsansatz des NCCR
Seltenheit Nationale Bündelung aller Fälle für statistisch relevante Studien.
Biologie Fokus auf Entwicklungsbiologie statt auf Alterungserscheinungen.
Toxizität Einsatz von Immuntherapien und molekularen Inhibitoren statt nur Bestrahlung.

Hinweis: Da dieser Forschungsschwerpunkt zu den neuesten Modulen des Bundes gehört, befinden sich viele der spezifischen Teilprojekte aktuell in der Aufbauphase. Er markiert jedoch einen historischen Wendepunkt für die pädiatrische Onkologie in der Schweiz, da zum ersten Mal eine so massive langfristige Finanzierung (für bis zu 12 Jahre) gesichert ist.


1. Standort Zürich (Heiminstitution: UZH & Kinderspital)

Zürich bildet das Herzstück des NCCR, insbesondere durch die Verbindung von molekularer Biologie und klinischer Anwendung am Kinderspital (Kispi).

  • Prof. Jean-Pierre Bourquin (Direktor): Sein Team ist weltweit führend in der funktionellen Präzisionsmedizin. Sie nutzen Hochdurchsatz-Screenings (Pharmacoscopy), um an lebenden Zellen von Leukämiepatienten zu testen, welche Medikamente individuell am besten wirken.

  • Prof. Beat Schäfer: Spezialisiert auf Weichteilsarkome. Seine Gruppe erforscht, wie Fehlsteuerungen in der Genexpression (epigenetische Faktoren) das Tumorwachstum bei Kindern antreiben.

  • Prof. Michael Grotzer: Fokus auf Neuroonkologie (Hirntumore). Hier geht es vor allem darum, die Barrieren für Medikamente im Gehirn zu verstehen und Langzeitfolgen der Strahlentherapie zu verringern.

2. Standort ETH Zürich (Technologie-Hub)

Die ETH bringt die „High-Tech“-Komponente ein, um die riesigen Datenmengen des NCCR auszuwerten.

  • Prof. Gunnar Rätsch / Prof. Valentina Boeva: Experten für Bioinformatik und Machine Learning. Sie entwickeln Algorithmen, die aus DNA-Sequenzen vorhersagen können, welche Mutationen für den Krebs entscheidend sind.

  • Prof. Berend Snijder: Pionier in der Einzelzell-Bildgebung. Er nutzt KI-gestützte Mikroskopie, um die Reaktion von tausenden einzelnen Krebszellen auf verschiedene Wirkstoffkombinationen zu beobachten.

3. Standort Basel (Universität Basel & UKBB)

Basel trägt massgeblich zur Erforschung neuer Wirkmechanismen und zur Pharmakologie bei.

  • Prof. Jürg Schwaller: Untersucht die molekularen Grundlagen der akuten myeloischen Leukämie (AML) im Kindesalter.

  • Forschungsschwerpunkt Personalisierte Medizin: Enge Zusammenarbeit mit dem Biozentrum Basel, um massgeschneiderte Therapien für rezidivierende (wiederkehrende) Tumore zu entwickeln.

4. Region Genfersee (EPFL & CHUV Lausanne / HUG Genf)

Hier liegt ein starker Fokus auf der Immuntherapie.

  • Prof. Marc Ansari (Genf) & Prof. Maja Beck Popovic (Lausanne): Sie koordinieren die klinischen Studien in der Westschweiz und forschen an der Pharmakogenomik (wie beeinflussen Gene die Wirkung und Toxizität von Medikamenten).

  • EPFL-Partner: Entwicklung von neuen Nanopartikeln und CAR-T-Zell-Therapien, die spezifisch für kindliche Oberflächenmarker an Tumoren designt werden.


Aktuelle Publikationsthemen und Forschungsrichtungen (2025/2026)

Die Forschungsgruppen des NCCR konzentrieren sich aktuell besonders auf diese Themen, die oft in Fachjournalen wie Nature Cancer oder The Lancet Child & Adolescent Health erscheinen:

  • „Liquid Biopsies“: Verfahren, um Krebsrückfälle durch einfache Bluttests (statt schmerzhafter Knochenmarkspunktionen) früher zu erkennen.

  • Epigenetisches Reprogrammierung: Versuche, Krebszellen nicht abzutöten, sondern sie „umzuprogrammieren“, damit sie sich wieder wie normale, gesunde Zellen verhalten.

  • Kombinationstherapien: Nutzung von KI, um herauszufinden, warum manche Kinder resistent gegen Standardtherapien werden und welche Zweit-Medikamente diese Resistenzen brechen.

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